Flipped Classroom

Veröffentlicht von Lennart Osterhus am

Flipped Classroom

Einführung

Flipped Classroom (oder Inverted Classroom) bezeichnet ein Szenario, bei dem klassische Elemente der Präsenzzeit (Vorlesung) in die Selbststudienzeit verlagert werden. 

Dies geschieht meist durch das Bereitstellen von Online-Ressourcen, z.B. zur Vorbereitung auf die Lehrveranstaltung durch das Lesen von Texten, das Bearbeiten von Aufgaben und Quizfragen oder das Anschauen bestehender Vorlesungsaufzeichnungen.

Einsatzszenario

Das Konzept der wortwörtlichen „Vorlesung“ stammt aus der Zeit vor dem Buchdruck. Bücher waren kostbar, weshalb an den Universitäten vorgelesen wurde, während die Studierenden per Mitschrift ihre eigene Kopie anfertigten. Geistig verarbeitet werden musste der Inhalt anschließend in der Selbststudienzeit.

Heutzutage stehen allerlei Informationsträger wie Bücher oder Videos zur Verfügung. Warum also sollten Lehrende ihre Zeit darauf verwenden, Jahr für Jahr dieselben Inhalte zu präsentieren? Lässt sich die gemeinsame Zeit von Lehrenden und Lernenden nicht besser nutzen?

In einem Flipped-Classroom-Szenario bereiten sich Studierende anhand der online bereitgestellten Ressourcen auf die Präsenzveranstaltung vor. Das geschieht durch das Anschauen eines Videos oder Screencasts, das Lesen von Literatur, das Bearbeiten von Aufgaben und Quiz-Elementen oder das Notieren von Verständnisfragen.

Durch die vorangestelle Inhaltsvermittlung schaffen Lehrende in der Präsenzzeit Raum für das gemeinsame  kritische, vertiefende, anwendungsbezogene und forschende Lernen. 

Das folgende Beispiel illustriert dies am exemplarischen Ablauf einer Großveranstaltung in der Form des sogenannten „Just-in-Time-Teaching“ (JiTT).

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Aus der Praxis

Modul (Prof. Sören Ehlers, TUHH): Grundlagen der Konstruktion und Strukturanalyse von Schiffen
Studiengänge:
Allgemeine Ingenieurwissenschaften (AIW) & Schiffbau, B.Sc., 5. Sem.

Interview mit Marco Klein, Institut für Konstruktion und Festigkeit von Schiffen &
Alexandra von Kameke, Institut für Mehrphasenströmung. Beide entwickelten die Gruppenübung weiter.

Was war die Motivation für ein Flipped-Classroom-Konzept?
„In unserer Übung zum Modul stoßen wir häufig auf stark schwankende Teilnehmerzahlen. Darüber hinaus ist die Wiederholung von Grundlageninhalten oft sehr zeitintensiv. Für das gemeinsame Bearbeiten von Übungsaufgaben bleibt dann häufig zu wenig Zeit. Aus diesem Grund entschieden wir uns, ein Flipped-Classroom-Szenario umzusetzen.“

Wie wurde die Veranstaltung verändert?
„Die Rezeption der notwendigen Grundlagen verlagerten wir in Online-Tutorials, die wir mit H5P interaktiv konzipierten und über unser Lernmanagementsystem Stud.IP/Ilias bereitstellten. Die Studierenden bereiten sich mit diesen Tutorials auf die nächste Übung vor. In der nächsten Präsenzveranstaltung arbeiten sie dann in Kleingruppen an der Lösung einer Aufgabe, die sich auf die online vermittelten Aufgaben stützt. Zudem haben wir nun Zeit für forschungsbezogene Diskussionen.“

Welches Fazit können Sie ziehen?
„Die Studierenden haben festgestellt, dass sie ohne Bearbeitung der Tutorials nicht effizient zur Gruppenarbeit beitragen können. Aus diesem Grund wurden die Tutorials schon nach kurzer Zeit von einem Großteil der Studierenden ausgiebig genutzt. Durch die Methode des Flipped Classroom konnten wir ein weitaus höheres Aktivitätsniveau sowie durchweg hohe Teilnehmerzahlen erreichen.“

Tipps zur Umsetzung

Stofffülle und Zeitknappheit: Durch das Auslagern von Inhalten wird Zeit geschaffen, um sich in der Präsenzzeit aktiv mit den neuen Inhalten zu beschäftigen und Fragen zu klären. Überdies können die digitalen Inhalte leicht wiederverwendet werden.

Wenig motivierte Studierende lassen sich durch aktivierene Methoden wie Think Pair Share, Gruppenarbeit, den Einsatz von Clickern oder PBL-Elementen stärker in die Veranstaltung einbinden.

Individualisierte und flexible Lernangebote können im Rahmen der Online-Phase geschaffen werden. Studierende können in eigenem Tempo und je nach Vorwissen unterschiedlich intensiv lernen.

Was sind die Beweggründe für einen Flipped Classroom? (Stofffülle, Zeitknappheit, Heterogene Gruppe, Innovationshöhe etc.)

Welche Inhalte eignen sich dazu, sie in die Online-Phase zu verlagern?

Welche Medien bieten sich an? (Literatur, Video, Tests…)

Wie viel soll geflippt werden? (erst vielleicht nur einen kleinen Teil)

Wie lassen sich Online- und Präsenzphasen verzahnen?

Hier eine kleine Sammlung von Medien, die sich für das Selbststudium eignen:

  • vertonte Aufzeichnung von Folien
  • Vorlesungsaufzeichnung
  • Screencast
  • freies Video aus dem Netz (siehe freie Videodatenbanken)
  • Skript
  • Formatives Assessment (Aufgabe, Quiz, Test)
  • Worksheet zur Verständnisförderung (Beim Betrachten des Videos sind Leitfragen zu beantworten – siehe Video Prof. Christian Spannagel)
  • Aufträge zur Recherche (Defintionen, Bilder etc.)

Hier eine kleine Sammlung von Methoden, die sich für die Präsenzphase eignen:

Das Konzept des Flipped Classroom geht natürlich nur auf, wenn die Studierenden vorbereitet in die Veranstaltung kommen. Wie können Lehrende dies unterstützen?

Transparenz: Nehmen Sie sich Zeit, den Studierenden zu erläutern, warum Sie Flipped Classroom einsetzen und welchen Nutzen die Studierenden davon haben. Erinnern Sie in regelmäßigen Abständen daran.

Durchhaltevermögen: Halten Sie an Ihrem Konzept fest, auch wenn Studierende zu Beginn unvorbereitet sein sollten. Spätestens in der dritten Woche werden diese merken, dass ihnen die Präsenzzeit aufgrund mangelnder Vorbereitung „nichts bringt“.

Bonuspunkte: Gegebenenfalls können auch Bonuspunkte für die Vorbereitung vergeben werden. Dabei sollte vermieden werden, diese Punkte davon abhängig zu machen, ob Antworten auf Quizfragen oder Vortests korrekt oder inkorrekt sind. Dies würde den Fokus vom Lernprozess nehmen und den Anreiz setzen, mit allen Mitteln das richtige Ergebnis zu liefern anstatt Verständnislücken aufzuzeigen.

Peer Instruction: Eine Möglichkeit ist es auch, unvorbereitete Studierende per Peer Instruction über die relevanten Themen zu informieren. Das heißt: Vorbereite Studierende setzen sich mit Unvorbereiteten in Gruppen zusammen und tauschen sich aus. Auf gar keinen Fall sollte Sie die Online-Inhalte noch einmal in der Präsenzphase wiederholen.

Literatur

e.teaching.org: Inverted Classroom

ZUM-Wiki: Ausführliche Zusammenstellung von Beispielen, Meinungen und Ressourcen zum Flipped Classroom

Aaron Sams & Jon Bergmann: Kurzvideo zu den Vorteilen des Flipped Classroom

Prof. Christian Spannagel: Etwas ausführlicheres Video mit Hinweisen zu Worksheets im Flipped Classroom

Prof. Jens Dittrich: Erfahrungsbericht aus der Informatiklehre

Headerbild: Roel Dierckens on Unsplash


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