„Wenn ich mich nicht für den Lernerfolg meiner Studierenden verantwortlich fühle, dann ist das nicht der richtige Job“ Interview mit Prof. Dr.-Ing. habil. Bodo Fiedler, diesjähriger Hamburger Lehrpreisträger

Anlässlich der Verleihung des Hamburger Lehrpreises führten Uta Riedel und Lydia Jäger ein Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. habil. Bodo Fiedler. Ausgezeichnet wurde die herausragende Arbeit in der Studieneingangsphase im “Teamprojekt Maschinenbau”. Angelehnt an das Interdisziplinäre Bachelor-Projekt des Zentrums für Lehre und Lernen erhalten Erstsemester hier die Gelegenheit in ingenieurstypischer Projektarbeit Theorie und Praxis bereits zu Studienbeginn miteinander zu verbinden.

ZLL: Prof. Fiedler, Sie haben Ende Juni zusammen mit Prof. Seifried den diesjährigen Lehrpreis der Stadt Hamburg verliehen bekommen. Wir gratulieren Ihnen herzlich.

Lehrpreisverleihung an der Universität Hamburg im Juni 2017 Bildquelle: UHH/Werner

Fiedler: Vielen Dank. Das ist eine sehr nette Anerkennung für mich und für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich freue mich auch darüber, dass das Teamprojekt Maschinenbau mal in größerem Rahmen Erwähnung findet.

ZLL: Welche Aufgabe hat gute Lehre, was macht sie aus?

Fiedler: Gute Lehre ist für beide Seiten anspruchsvoll. Es geht nicht darum, auszusieben. Jemandem zu zeigen, was er nicht kann, ist ganz einfach möglich.

Die Studierenden müssen Faktenwissen beherrschen und dieses unter enormem Zeitdruck in den Klausuren abrufen können. Die sehr guten Leute machen das problemlos und noch fünf andere Dinge nebenher. Das ist aber nur ein gewisser Prozentsatz. Dann gibt es das Gros, das mit einem gewissen Aufwand das Studium schafft. Dann gibt es diejenigen, die ein bisschen Hilfe benötigen und dann gibt es die Leute, die hier verkehrt sind. Den Letzteren können wir nicht helfen, denn diese ca. 10% kommen nicht in Beratungen und nicht zu Prüfungen, das ist vergebene Mühe. Aber die ca. 20%, die Hilfe benötigen, können wir unterstützen.

Beim Teamprojekt Maschinenbau, das wir mit dem ZLL gemeinsam machen, geht es nicht um Studierende, die das falsche Fach gewählt haben. Das sind alles Leute, die das Zeug haben, gute Ingenieurinnen und Ingenieure zu werden! Es gibt vielleicht Herausforderungen für Studienanfänger wie das selbst organisierte Lernen, oder beispielsweise das kontinuierliche Lernen beim Studienbeginn aus dem Arbeitsleben heraus. Wir wollen mit dem Projekt vermitteln, wofür man die Dinge im Studium eigentlich braucht.

ZLL: Inwiefern unterstützt die Arbeit an Projekten Studierende beim Lernen?

Fiedler: Projektarbeit sehe ich als Hilfestellung für die unteren 20% des Leistungsspektrums, aber vom sozialen Aspekt und dem Austausch der unterschiedlichen Leistungsgruppen profitieren alle. Denn auch die fachlich Besten lernen die handwerklichen und die organisatorischen Fähigkeiten: Teamarbeit, Kommunikation, Zeitmanagement, Aufgabenverteilung sind nur einige Beispiele. Und der Spaßfaktor darf nicht unterschätzt werden: Wenn man gemeinsam etwas gebaut hat, das funktioniert und man dann in einen Wettbewerb mit anderen Teams eintritt, wie wir es vergangenes Semester bei der „TUHH hautnah“ hatten, hat man auch großen Spaß und entwickelt den Ehrgeiz einen möglichst guten Platz zu belegen.

Ich fühle mich dafür verantwortlich, dass Studierende etwas lernen, aber ich kann ihnen nicht die Verantwortung abnehmen sich auch selbst darum zu kümmern. Beide Seiten [Lehrende und Lernende] müssen erkennen, dass sie etwas machen müssen.

ZLL: Nach acht Jahren in der Industrie sind Sie 2013 als Lehrender an Ihre Alma Mater zurückgekehrt. Haben Sie sich mit dem Thema Lehrmethoden auseinander gesetzt?

Fiedler: Als Forscher liegt einem die Entwicklung von Dingen im Blut, aber anderen Leuten etwas beizubringen ist eben etwas anderes. Die Lehre hat politisch, gesellschaftlich und in den Rankings immer noch einen niedrigeren Stellenwert. Hier wird es noch viele Jahre dauern, bis sich das ändert. Dabei kann man über die Verbesserung der Lehre in kurzer Zeit viel erreichen, auch für den Ruf einer Hochschule. Meine Einstellung zur Lehre war 2012 noch zwiespältig.

Nach dem Lesen der Hattie-Studie „Lernen sichtbar machen“, welche die Effekte unterschiedlicher Lehrmethoden analysiert, habe ich gedacht: Wenn ich mich nicht 100% mit der Lehre identifizieren kann und mich nicht für den Lernerfolg der Studierenden verantwortlich fühle, dann ist das nicht der richtige Job. Dann sollte ich mit meiner Zeit lieber etwas anderes machen. Und dann habe ich angefangen mich damit auseinander zu setzen, welches Handwerkszeug es gibt. Ich habe Clicker eingesetzt, im Audimax mit 400 Leuten.

ZLL: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Einsatz von Clickern gemacht?

Clicker an der TUHH, Bild: ZLL/Schneider

Fiedler: Vor der Abstimmung habe ich die Studierenden aufgefordert in 4er Gruppen über die Antwortmöglichkeiten zu diskutieren. Einen Moment lang hatte ich die Befürchtung den enormen Lautstärkepegel nicht wieder senken zu können und war dann positiv überrascht: Es war schlagartig leise, als es zur Abstimmung an den Clicker-Geräten ging und ich war begeistert, wie gut es funktionierte. Das war ein richtiges Aha-Erlebnis für mich in Bezug auf moderne Lehrmethoden.

Ich setze Clicker, Videos und Klausurfragen regelmäßig alle 10 bis 15 Folien ein, damit es abwechslungsreich ist und die Studierenden aufmerksam bleiben. Auch das direkte Feedback meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber natürlich auch der Studierenden ist mir wichtig. Bei direktem Feedback hat man die Chance noch im laufenden Semester Dinge zu korrigieren.

ZLL: Arbeiten Sie auch mit studentischen Tutorinnen und Tutoren zusammen?

Fiedler: Im Teamprojekt unterstützt unsere Lehre eine große Zahl an Tutorinnen und Tutoren, die im ZLL ausgebildet wurden. Die machen richtig gute Arbeit und finden die Ausbildung im ZLL richtig gut. Das ist durchweg positiv.

ZLL: Bedingen sich gute Forschung und gute Lehre gegenseitig oder sind sie Konkurrenten um die Ressourcen der Lehrenden?

Fiedler: Wenn man sich die Statistiken anschaut, sieht man: Die erfolgreichen Professoren sind auch die, die gute Lehre machen. Das hat viele Gründe: Erfolg zieht an. Wo es gut läuft, ein gutes Arbeitsklima herrscht, Ressourcen vorhanden sind, motivierte Mitarbeiter vorhanden sind, gibt es einen selbstverstärkenden Effekt.

ZLL: Muss gute Lehre innovativ sein?

Fiedler: Wir sind grundsätzlich innovative Leute, warum sollte ich die Lehre davon ausnehmen? Das, was ich vor zehn Jahren erzählt habe, kann ich jetzt nicht immer noch erzählen, neue Entwicklungen müssen aufgenommen werden, die aktuelle Forschung wird in unseren Lehrveranstaltungen auch bearbeitet.  Das kommt auch bei den Studierenden gut an.

ZLL: Wird man jetzt mehr an der aktuellen Forschung beteiligt als früher?

Fiedler: Als ich hier studiert habe, waren es familiäre Verhältnisse, man kannte jeden. Wir saßen teilweise mit vier Leuten in der Vorlesung, die Bürotüren standen offen und man kam mit den Professoren beim Kaffee automatisch über die Forschung ins Gespräch. Der Vorlesungsstoff war grundlegender, aber Beispiele aus aktuellen Fragestellungen gab es auch damals schon. Natürlich ohne die technischen Vermittlungsmöglichkeiten, da wurden in der Mathevorlesung gern mal 12 Tafeln vollgeschrieben und wieder abgewischt. Am Ende hat man sich dann mit einem Lehrbuch hingesetzt, weil man nicht mitgekommen war. Inwieweit das jetzt anders ist, weiß ich nicht. Aber in meinen Fächern habe ich das Gefühl, dass die Vorlesungen attraktiver geworden sind.

Früher wurde man angehalten bei Fragen nach der Vorlesung in die Sprechstunde zu kommen. Das ist vom Prinzip auch nicht schlecht, denn heute ist zwar alles digital und schnell verfügbar und vermittelbar, aber nur weil ich den Stoff in der Tasche habe, habe ich ihn noch lange nicht verstanden.

ZLL: Aber Ihre Sprechstunde wäre deutlich voller.

Fiedler: Ich habe gar keine Sprechstunde. Jeder kann kurzfristig über das Sekretariat einen Termin mit mir ausmachen. Häufig steht meine Bürotür auch offen und man kann ohne Termin mit mir sprechen.

ZLL: Was halten Sie davon, den Prüfungsschwerpunkt am Semesterende auf studienbegleitende Prüfungen während des Semesters herunter zu brechen?

Fiedler: Für mich stellt sich die Frage nicht, da ich keine semesterbegleitenden Prüfungen habe – ausgenommen beim Teamprojekt. Ich glaube, es ist nicht schlecht, wenn man gewisse Punkte sammeln könnte, um den Stressfaktor der Prüfung zu senken, aber die Prüfung am Ende sollte immer den Ausschlag geben. Es ist schwierig sicherzustellen, dass die semsterbegleitenden Dinge tatsächlich die Leistung des Individuums ist. Viele Hausaufgaben werden von anderen Leuten geschrieben, nicht von denen, die die Note dafür kriegen. Das war schon zu meinen Studienzeiten so und die Leute haben dafür noch nichtmal gute Noten bekommen!

Semesterbegleitende Prüfungen bringen vielleicht für die Selbstorganisation der Studierenden beim kontinuierlichen Lernen Vorteile, aber das ist eigentlich nicht unsere Aufgabe. Dafür ist jeder selbst verantwortlich. Wir müssen das Interesse wecken und Hilfestellung geben, aber Lernkontrolle muss jeder selbst durchführen: Kann ich das wirklich oder glaube ich nur, dass ich es wirklich kann?

Studienbegleitend sollte man eher andere Elemente einführen, die andere Aspekte ins Studium bringen, z. B. Anwendung, Konstruktion und Projektarbeit. Wir haben im Rahmen der Modularisierung die Vorlesung umgestaltet, um Quervernetzungen erkennbar zu machen. Wir zeigen beispielsweise Spritzgussbauteile und erläutern daran den Zusammenhang von Werkstoff, Konstruktion und Verarbeitung, also wie stelle ich das Bauteil her. Alle drei Aspekte sind gleich wichtig für die Qualität und die Kosten der Herstellung. Es muss ein Zusammenspiel sein und dann vergisst man das auch nicht wieder.

ZLL: Braucht es noch mehr Austausch unter den Lehrenden über Didaktik?

Fiedler: Ich glaube schon. Beim Professorentreffen berichtet der Vizepräsident Lehre zwei Mal im Jahr über entsprechende Themen und bei den Studiendekanatssitzungen kann man möglicherweise auch nicht jede Sitzung wahrnehmen. Schlechte Prüfungsergebnisse können auch ein Anlass sein, sich über die eigene Lehre Gedanken zu machen. Vielleicht hat man die zeitlichen Ressourcen pro Thema nicht richtig eingeschätzt, oder die Inhalte sind einfach nicht rüber gekommen und man hat es doch nicht so gut gemacht, wie man selbst gemeint hat. Obwohl ich über Umwege Feedback von meinen Studierenden bekomme, dass unsere Lehrweise nicht so schlecht ist, zumindest gibt es keine Beschwerden und das langt ja schon [lacht]. Sehr gut sind die Broschüren vom ZLL und wenn man selbst über seine Erfahrungen berichtet, dann schaut jeder Lehrende mal auf seine eigene Lehre.

ZLL: Gibt es etwas, das Sie ihren Studierenden wünschen?

Fiedler: Den Studierenden wünsche ich Erfolg. Ich wünschte, ich hätte während meines Studiums so tolle Projekte gehabt. Die Teilnehmer bei e-gnition verlieren im Schnitt ein gutes halbes Jahr durch ihre Arbeit, aber es ist trotzdem eine tolle Sache. So eine Gruppenarbeit ist eine tolle Erfahrung und man erwirbt so viele Kompetenzen. Das hilft z. B. auch bei späteren Bewerbungen, nicht zuletzt in der Automobilindustrie. Wichtig ist, dass man die Studienzeit trotz allem genießt!

ZLL: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Prof. Dr.-Ing. habil. Bodo Fiedler ist seit Oktober 2013 Institutsleiter am Institut für Kunststoffe und Verbundwerkstoffe an der TUHH.

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