Teil 2: Interview mit Professor Schlüter zum Hamburger Lehrpreis

Der erste Teil des Interviews erschien hier am 16. Oktober 2013.

ZLL: Wie reagieren die Studierenden auf die etwas andere Vorlesungssituation bei Ihnen?

Prof. Schlüter: Die Studierenden sind erfreulich offen gegenüber neuen Methoden. Wir haben letztes Jahr eine Vorlesung umgestellt auf Problem Based Learning (PBL), und wir sind offen damit umgegangen und haben den Studierenden gesagt: „Wir machen das zum ersten Mal, das muss sich erst entwickeln und bitte geben Sie uns entsprechende Rückmeldungen, was gut funktioniert und was nicht.“ Die Studierenden haben sehr konstruktiv dazu beigetragen, das gesamte Konzept zu entwickeln. Das hat sehr gut funktioniert. Man wird sicherlich behutsam sein müssen mit zu vielen neuen Methoden auf einmal, weil es am Anfang auf jeden Fall zu einer zusätzlichen Belastung der Studierenden führt, aber wir müssen diesen Weg gehen, um mittel- und langfristig  zu einem kompetenzorientierten Lernen zu kommen und weg vom „Nürnberger Trichter“, der derzeit leider noch viel zu häufig Anwendung findet.

ZLL: Wie gestaltet sich Ihr Austausch mit Kolleg_innen über Lehre – an der TU und außerhalb?

DSC_1491a-Prof Schlüter-kleinProf. Schlüter: Unser Vizepräsident für Lehre, Prof. Knutzen, hat z.B. eine „didaktische Professorenlounge“ eingerichtet. Das ist eine Austauschplattform, die ganz hervorragend funktioniert, weil man auch dekanatsübergreifend diskutiert. Das ist etwas, was wir sehr gerne und viel nutzen. In den Instituten gibt es natürlich auch einen sehr regen Austausch. Ich bin derzeit Studiengangskoordinator für die Verfahrenstechnik. Da geht es im Moment u.a. darum, wie man es schafft, die neuen Methoden in Module zu integrieren – z.B. den Arbeitsaufwand für Studierende zu reduzieren, ohne dass Inhalte und Kompetenzen unter dieser Kürzung leiden. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, die auch sehr kontrovers unter den Kollegen_innen diskutiert wird: Wie schafft man es, durch die Modularisierung den Anspruch hochzuschrauben, besser, qualitativ höherwertig ausgebildete Studierende zu bekommen, ohne dabei den Lernaufwand zu erhöhen, bzw. im Gegenteil – der Lernaufwand soll ja sogar verringert werden. Es ist natürlich zunächst schwierig mit weniger Inhalt, eine größere Kompetenz vermitteln zu wollen.

ZLL: Sehen Sie für dieses Problem eine Lösung?

Prof. Schlüter: Das geht nur, indem wir den Studierenden aufzeigen, wie sie sich selbst Kompetenzen aneignen können. Auf die Studierenden kommt dabei wieder wesentlich mehr Eigenverantwortung zu, sich Stoff zu Hause anzueignen: Das ist ja durchaus im Sinne des Studierens und daher finde ich das an sich positiv. Das heißt auch, die Studierenden müssen wieder mehr das Studium und den Wissensgewinn im Zentrum sehen und wegkommen von der Dienstleistungsmentalität, dass die Universität ihnen das Wissen quasi „mundgerecht“ zur Verfügung stellt. Hier könnten Module, in denen verschiedene Grundlagen mit einer Anwendung verknüpft werden (z.B. durch POL) vielleicht eine Lösung sein. Ich habe an der Universität Bremen promoviert. Hier wurde die Modularisierung schon vor 10 Jahren  erfolgreich eingeführt: Es werden in Modulen  Veranstaltungen von mehreren Professoren gemeinsam kompetenzorientiert abgeprüft. In Bremen gibt es allerdings auch wesentlich mehr mündliche Prüfungen, das ist etwas, was mir an der TU Hamburg-Harburg noch viel zu kurz kommt. Ich bin der Meinung, dass man mit mündlichen Prüfungen wesentlich kompetenzorientierter prüfen kann als mit schriftlichen Prüfungen. Das können Sie gerne drucken [lacht]. Dadurch gewinnt man viel Flexibilität, was Prüfungstermine und Nachprüfungen angeht. Das gilt natürlich nur für kleinere Veranstaltungen. In einer Mathematik-Veranstaltung mit 500 Studierenden kann ich nicht mündlich prüfen. Aber wo es die Möglichkeit gibt, sollte häufiger davon Gebrauch gemacht werden.

ZLL: Zu welcher Haltung würden Sie Kolleg_innen raten, die gerade erst mit Lehre beginnen? Schließlich ist es eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, plötzlich etwas anders zu machen.

Prof. Schlüter: Es ist hier an der TUHH vorbildlich, dass gerade jüngere Kollegen sehr eng in die Entwicklung von Lehrkonzepten eingebunden werden. Und es gibt ja auch noch das ZLL, das ganz gezielt an jüngere Kollegen herantritt. Von der Alfred-Töpfer-Stiftung gibt es eine Sommerakademie, die sich gerade an die jüngeren Dozenten richtet. Man verbringt ein Wochenende gemeinsam mit Kollegen aller Fachrichtungen sämtlicher Hamburger Hochschulen – das ist eine sehr interessante und schöne Veranstaltung, in der man viele Anregungen für neue Ansätze in der Lehre bekommt. Das ist sehr hilfreich und davon, muss ich sagen, war ich sehr positiv überrascht. Und natürlich ist es so, dass es jüngeren Kollegen, die gerade ohnehin neue Veranstaltungen aufbauen müssen, leichter fallen sollte, neue Konzepte in ihre Veranstaltungen zu integrieren.

ZLL: Wo sehen Sie außerdem noch Handlungsbedarf in der Lehre an der TUHH?

Prof. Schlüter: Also es gibt einen Punkt, den ich für sehr zentral halte, der meiner Meinung nach noch nicht intensiv genug adressiert wird. Das ist die bessere chronologische Vernetzung des Stoffes einzelner Veranstaltungen. Da kann man meiner Meinung nach Kapazitäten noch besser nutzen. Hierfür müssen sich die Hochschullehrer zunächst untereinander verständigen und den Stoff der einzelnen Veranstaltungen chronologisch noch besser aufeinander abstimmen. Hierbei gibt es auch Überlegungen, die Studierenden miteinzubeziehen, denn sie wissen i.d.R. am besten, was sie doppelt gehört haben oder welcher Stoff ihnen an bestimmter Stelle fehlt. Wie das konkret aussehen könnte, diskutieren wir gerade im Dekanat Verfahrenstechnik und freuen uns dabei auf die Unterstützung durch das ZLL.

ZLL: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

ENDE DES INTERVIEWS  

 

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