PBL im Curriculum – die Universität Aalborg

Wer sich mit PBL (Projekt und/oder Problem basiertes Lernen) auseinandersetzt, kommt innerhalb kürzester Zeit auf die Universität Aalborg, die als eine Vorreiterin dieser Methode stets präsent ist. Hohe Erwartungen und Vorfreude auf einen zweitägigen PBL Workshop begleiten mich als Fachreferentin dieser weltweit genutzten Lehr- und Lernmethode auf dem Weg nach Aalborg.

PBL braucht Raum

„Here you can see our rooms.“ Der Eindruck, den ich im Rahmen einer Führung durch die Gebäude der Universität Aalborg (AAU) erhalte, ist durchweg positiv: Die Studierenden arbeiten in für ihr Projektteam reservierten, modernen Gruppenräumen. In Gesprächen äußern sie sich sehr zufrieden mit ihrem Projektstudium. Wir, Teilnehmende eines Workshops zu ‚Project- and Problem based Learning’ (PBL) angereist aus Brasilien, den Niederlanden, Tunesien und Deutschland, sind begeistert von der räumlichen Ausstattung.
Was aber, wenn man ein solches Raumangebot nicht vorweisen kann? „Virtual rooms can be a solution“, meint unser studentischer Guide Eric, Mitglied der Fachschaft E-Technik. Aber die Gruppen müssen sich bei PBL doch auch real treffen, um zu arbeiten, wenden wir ein. “You have to find your own way.” Vielleicht bietet der Call 4 des ZLL, bei dem es um Lehrinnovationen mit Medienunterstützung geht, bei dieser Frage die Möglichkeit für Impulse, geht es mir durch den Kopf.

PBL braucht Visionen

Das pädagogische Modell der AAU – „problem-based project oriented“ – ist im Curriculum der Universität fest verankert. Die Projektarbeit bildet den Kern des Studiums und macht die Hälfte der Bewertung je Semester aus. Ein übergeordnetes Thema bildet pro Semester den inhaltlichen Rahmen. Die „Educational Vision“ hat bereits seit Gründung der Universität 1974 die räumliche Ausgestaltung des Campus, der über die ganze Stadt verteilt ist, maßgeblich bestimmt.

Ein herausforderndes Problem ist der Ausgangspunkt für ein studentisches Team-Projekt. Es werden Projektthemen seitens der Institute teilweise in Zusammenarbeit mit Unternehmen entwickelt und angeboten. Das Thema kann auch von den Studierenden selbst vorgeschlagen werden. Viele Eindrücke erinnern mich an mein eigenes Hauptstudium, das sich an der TUHH auch um Projekte entwickelte.

PBL braucht Rollenwechsel

Die intensive Gruppenarbeit wird bei PBL von einem „supervisor“ (Lehrenden, Tutoren) begleitet, der sich nur auf Wunsch der Gruppe einbringt. Die Projektarbeit wird durch andere Lehrformate ergänzt (z.B. Seminare, Vorlesungen, Labore). Pro Semester absolvieren die Studierenden parallel zu dem Projekt also weitere „courses“. Wie sich wohl dieser Wechsel für Studierende anfühle, die einerseits als aktive Konstrukteure ihres Wissens gefordert seien und sich andererseits in einer eher passiven Konsumentenrolle wiederfänden, wollen wir wissen. „That’s no problem.“ Ist die übereinstimmende Antwort.

In Aalborg wird auf die wesentlichen Aspekte des PBL sehr viel Wert gelegt. Die Problemdefinition z.B. nimmt viel Zeit in Anspruch. „Most “solutions” are only causing new problems because we are focused to find it right away – without understanding the problem this doesn’t make any sense.“, erläutert Eric.

PBL braucht Wissenschaft

Mindestens drei Studierende bilden ein Team. Ausnahmen bestätigen diese Regel: Es gibt Studierende, die aus besonderen Gründen nicht in einer Arbeitsgruppe arbeiten. Es soll auch Institute geben, die sich aus PBL zurückgezogen haben. Die selbstkritische Auseinandersetzung mit ihrem Alleinstellungsmerkmal kommt bei der zweitägigen Veranstaltung etwas zu kurz. Der Eindruck eines ‚Promotion Events’ flackert immer wieder auf. Angesichts des Master Studiengangs ‚Problem Based Learning’, für den wir als Zielgruppe in Frage kämen, vielleicht verständlich.

Die Anpassung an neue didaktische Erkenntnisse ist ein Markenzeichen für die Universität Aalborg, erläutert man uns. Die PBL orientierten Curricula – alle Ingenieurstudiengänge sind so organisiert (!) – werden durch ein Institut der Universität wissenschaftlich begleitet. Dass sich seit 2007 hier die “Unesco Chair of Problem Based Learning” befindet, ist ein riesiger Erfolg. Die Freude darüber und der Stolz der Leiterin, Anette Kolmos, die weltweit Projekte im Fokus hat, nachvollziehbar.

PBL braucht Initiative

Nach zwei Tagen „Workshop“ – einem vollgepackten Frontal-Programm mit fünf verschiedenen Vortragenden – bin ich erschöpft. Ich denke an unser ZLL-Workshop-Angebot, das dagegen klar aktivierend aufgebaut ist. Bei uns werden die Teilnehmenden sofort einbezogen und bekommen Zeit, sich zu vernetzen und an ihren eigenen Veranstaltungen zu arbeiten. Der kollegiale Austausch ist uns dabei sehr wichtig und wird in jeder Hinsicht unterstützt. Das hätte ich mir auch in Aalborg vorstellen können. Sich so der eigenen Stärken wieder bewusst zu werden, ist aber auch ein großartiges Gefühl!
Viele Eindrücke und Ideen nehme ich aus Aalborg mit. Die neuen Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen an der Universität Twente und in alle Welt können ausgebaut werden. Ein Hamburger Netzwerk für PBL wäre doch interessant…
Beim Abschied von Anette Kolmos, fragt sie mich nach meinem Fazit. Nachdem ich ihr meine Begeisterung für das konsequente Curriculum der AAU im Ingenieurbereich geschildert habe, muss ich zugeben: „I’ve got more questions than before.“

Anette Kolmos antwortet ganz im Sinne von PBL: “…than we did everything right.”

Weitere Informationen finden Sie hier:

Materialien des Workshops in Aalborg
Ideen, Anregungen und Fragen gern auch direkt an Siska Simon, Fachreferentin PBL

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