ICAM – von Kopf bis Fuß auf PBL eingestellt

Brauchen die Studierenden von heute ein anderes Studium als das, was wir ihnen bieten? Welche Kompetenzen brauchen die Ingenieure von morgen? Wie können wir diese Kompetenzen prüfen? Müssen wir alle Kompetenzen und Lernziele prüfen?

Diese zentralen Fragen, die uns als Mitarbeiterinnen des ZLL in unserem professionellen Handeln immer wieder begleiten, konnten wir vor kurzem aus ungewohnter Perspektive diskutieren: Die private Hochschule ICAM (Institut Catholique d’Arts et Métiers) hatte unsere Expertise im Bereich Problem- und Projektbasierte Lehre und dem Kompetenzorientierten Prüfen in diesen Lehrformaten angefragt. Konkret ging es um eine Beratung zum didaktischen Konzept eines neuen „Studienwegs“, den die ICAM einführen will. Wie sich herausstellte, war dies ein in vielerlei Hinsicht spannender Auftrag für uns! Die Besonderheit aus der Perspektive des deutschen Hochschulsystems ist nämlich, dass es an der ICAM mit dem „Ingénieur Généraliste“ nur einen ingenieurwissenschaftlichen Abschluss gibt. Diesen Abschluss können die Studierenden an der ICAM bisher über zwei verschiedene „Studienwege“ erreichen, die didaktisch unterschiedlich gestaltet sind, aber die gleichen Studienziele haben. Nun soll unter unserer Mitwirkung ein dritter Studienweg etabliert werden, der den Studierenden eine weitere Option eröffnen wird, sich zum Ingenieur ausbilden zu lassen.

Von links nach rechts: Nicolas Gary (Leitung QM, ICAM), Marisa Hammer (Fachreferentin PBL, TUHH), Cecilia Vatus (Studienmanagerin Elekrotechnik, ICAM), Fernando Lopez (Mitarbeiter Öffentlichkeitsarbeit, ICAM), Siska Simon (Fachreferentin PjBL, TUHH), Corinne Curvale, Standortmanagerin Lehrende Toulouse, ICAM), Nicolas Juhel (Programmverantwortlicher Parcours Ouvert, ICAM)

Wir haben uns zu diesem Zweck auf dem Campus in Toulouse mit dem Team getroffen, das für die Entwicklung des neuen Studienwegs verantwortlich ist. Dies ist nur einer von mehreren Standorten der Hochschule. ICAM ist auch in verschiedenen Städten in Frankreich, aber auch in Kamerun, der Republik Kongo und Indien vertreten.

Gleich zu Beginn hat uns die Familiarität auf dem Campus von Toulouse beeindruckt. Sie ist der kleinen Zahl der Studierenden und Lehrenden zu verdanken: 800 Studierende werden von rund 80 Lehrenden betreut. Dieses Betreuungsverhältnis gehört zum Konzept von ICAM: Alle sollen einander wahrnehmen und sich füreinander verantwortlich fühlen. Da es sich um eine bereits seit 1898 existierende, jesuitisch geprägte Hochschule handelt, arbeitet man hier mit einem klaren, ganzheitlichen Menschenbild.

Diese unterstützende und konstruktive Atmosphäre bekamen wir bei unserem Rundgang über den Campus zu spüren. Alle kennen sich, begrüßen sich mit Namen. Diese Kultur wird, wie wir erleben konnten, aktiv gefördert: So gab es während unseres Aufenthalts eine Willkommensaktion für eine Gruppe von indischen Studierenden, die gerade neu auf dem Campus angekommen war. Mithilfe von Aufklebern konnten sich alle Mitarbeitenden und Studierenden „sichtbar machen“, die bereit waren, den Neuankömmlingen bei der Orientierung zu helfen. Solche Maßnahmen senken die Hemmschwelle, jemanden anzusprechen und miteinander bekannt zu werden. Jeder „ICAM-Jahrgang“ eines Studienwegs wird als eine Kohorte begriffen – unabhängig vom Heimatcampus und ein Austausch zwischen den Standorten ist auf allen Ebenen erwünscht.

Doch zurück zu unserem Auftrag. Die bisherigen Studienwege, auf die man sich bewerben kann, unterscheiden sich folgendermaßen: Der eine entspricht dem eher klassischen Verlauf von der Theorie in die Praxis; der andere setzt einen Schwerpunkt auf beruflicher Praxis und ist somit am ehesten mit unseren dualen Studiengängen vergleichbar.

Der neue „parcours ouvert“ (offener Studienverlauf), zu dem wir beraten haben, soll den Zugang für Interessierte erleichtern, die insbesondere in den MINT-Kernfächern nicht die klassischen Voraussetzungen erfüllen. Auch internationale Studierende sollen stärker angeworben werden. Auf diesem Studienweg bilden Projekte den Kern des Studienplans, darauf abgestimmt gibt es wöchentliche PBL-Aufgaben und Vorlesungen. Eine weitere Besonderheit: An allen Standorten soll zur gleichen Zeit auf die gleiche Art und Weise auf Basis der gleichen Projektaufgabe gelernt werden. Ziel ist es, so die Qualität sicher- und eine grundsätzliche Vergleichbarkeit herzustellen. Der Pilot wird in diesem Herbst mit drei Gruppen von je 25 Studierenden an zwei Standorten in Frankreich und auf dem Campus in Kamerun starten. Daher stand besonders das erste Jahr im Fokus unserer Betrachtungen.

In der Werkstatthalle auf dem ICAM-Campus in Toulouse

Während der zwei Tage haben wir uns nach der gegenseitigen Vorstellung und dem Kennenlernen der Hochschule und des Lehrkonzepts in erster Linie mit dem Abprüfen der Kompetenzen beschäftigt. Ähnlich wie im Modularisierungsprozess der TUHH wurden für den gesamten Studienverlauf Kompetenzen formuliert, die in den einzelnen Modulen erreicht werden sollen und für die man nun geeignete Prüfungs- und Feedbackformate sucht. So haben wir uns folgende Fragen gestellt: Wenn ein Projekt pro Semester im Zentrum des Lerngeschehens steht, kann dieses Projekt dann gleichzeitig auch Gegenstand der Prüfung sein? Wo können die Studierenden sich in der Projektarbeit frei ausprobieren und damit die für das Bestehen der Prüfung erforderlichen Kompetenzen erlernen? Ob es beispielsweise eine Möglichkeit ist, das erste Jahr insgesamt aus der Bewertung zu nehmen und den Studierenden allein formatives Feedback zu geben, hängt auch davon ab, welche Bedeutung das erste vorbereitende Jahr in diesem Studienweg haben soll. Die Diskussion ist noch lange nicht zu Ende und wir sind gern bei der Klärung der anstehenden Fragen und der weiteren Schritte behilflich, denn davon profitieren wir auch in unserer Arbeit an der TUHH. Die ausgesprochen offene und konstruktive Arbeitsatmosphäre und das starke Engagement aller Beteiligten macht diese Kooperation für uns sehr wertvoll. Wir sind gespannt wie es weitergeht!

Siska Simon und Marisa Hammer

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