Hamburger Lehrpreis für Professor Schlüter – ein Interview

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ZLL: Lieber Herr Schlüter, zuerst noch einmal unsere Gratulation zum Hamburger Lehrpreis. pokal-0016

Prof. Schlüter: Vielen Dank!

ZLL: Es gab Zeiten, und an manchen Orten mag es diese Zeiten immer noch geben, in denen es als zumindest zwiespältig galt, eine solche Auszeichnung zu bekommen. Lehre galt als etwas, was man eben tat oder tun musste. Auszeichnen sollte man sich hingegen in der Forschung. Sehen Sie diesen Widerspruch heute auch noch? Oder ketzerischer gefragt (obwohl wir natürlich wissen, dass es anders ist), ist Ihnen der Lehrpreis vielleicht nur passiert?

Prof. Schlüter: Nein, ich sehe das in der Tat komplett anders. Während meiner gesamten beruflichen Laufbahn habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass man nur dann gute Forschung machen kann, wenn man die besten Köpfe in seinen Reihen hat. Und die besten Köpfe bekommt man nur, wenn man auch eine entsprechend gute Ausbildung macht, und die Menschen, für das was man tut, begeistert. Leider ist es ja so, dass unser Beruf im Vergleich zu vielen Berufen in der Wirtschaft mit der entsprechenden Ausbildung viel zu schlecht honoriert wird, sodass wir eigentlich nur Menschen gewinnen können, wenn wir sie für unsere Themen begeistern und nicht über monetäre Anreize. Daher ist es notwendig, eine gute Lehre zu machen und immer wieder darauf hinzuweisen, was die Studierenden für wichtige Beiträge leisten können, wenn sie diesen Weg weiterverfolgen und in die Forschung einsteigen.

ZLL: Gab es einen besonderen Anlass für Sie, sich intensiver mit Lehre zu beschäftigen?

Prof. Schlüter: Das kann ich so eigentlich nicht sagen. Ich habe natürlich wie jeder Studierende die Erfahrung gemacht, dass es sehr gute und sehr schlechte Lehrende gibt und dass gute Lehre nicht unbedingt nur mit den Inhalten verknüpft ist, sondern auch besonders mit der Motivation, die der Lehrende ausstrahlt. Wenn der Funke überspringt, beschäftigen sich die Studierenden idealerweise ganz freiwillig mit dem Stoff. So gesehen, gab es eigentlich nicht wirklich einen speziellen Anlass außer der Motivation, die eigene Begeisterung auch didaktisch gut zu transportieren.

ZLL: Was genau macht für Sie gute Lehre aus? Was gehört dazu? Was sollte man tun und was vielleicht auch vermeiden?

Prof. Schlüter:  Ich würde mir jetzt nicht anmaßen, dass ich wirklich eine besonders gute Lehre mache und deswegen diese Auszeichnung bekommen habe, sondern vielleicht ist es eher eine Auszeichnung für das Bemühen um eine gute Lehre. Wir versuchen auf sehr unterschiedlichen Stufen die Studierenden an den Stoff heranzuführen. Ich vertrete in der Verfahrenstechnik an der TUHH das Fach Strömungsmechanik. Die Strömungsmechanik ist eigentlich traditionell ein sehr gefürchtetes Fach, weil man dort sehr viel Mathematik benötigt, viel mit partiellen Differentialgleichungen umgehen und  komplexe Gleichungssysteme lösen muss. Das ist das Schreckgespenst vieler Schulabsolventen. Da versuchen wir jetzt, die Studierenden sehr behutsam an diese Dinge heranzuführen, zwischendurch immer wieder zu motivieren und das Ziel vor Augen zu führen. „Warum muss ich mich denn immer mit solchen „grausamen“ Dingen beschäftigen?“ Ich selbst habe als Studierender häufig gedacht, ich würde Dinge lernen, die ich später nie wieder benötige. Ich glaube, das ist der entscheidende Schritt, den wir heute gemeinsam gehen müssen: den Studierenden schon bei der ersten Gleichung, die sie aufs Papier schreiben, zu zeigen, wofür sie diese Gleichung benötigen und den Anwendungsbezug aufzuzeigen. Gute Lehre ist für mich, die Studierenden so zu motivieren, dass sie sich selbst die entsprechenden Fertigkeiten aneignen wollen.

ZLL: Wie beziehen Sie WiMis an Ihrem Institut in die Lehre ein?

Prof. Schlüter:  Ich habe glücklicherweise ein sehr tatkräftiges Team, das mich hier am Institut unterstützt. Allen voran Herr Dr. Hoffmann, der als Oberingenieur sehr viel für die Lehre leistet und  die Klausurvorbereitung, -durchführung und -korrektur koordiniert. Außerdem haben wir viele Mitarbeiter, die in die Klausuren eingebunden sind. Jeder Mitarbeiter entwirft eine Aufgabe und korrigiert diese dann anschließend auch. Natürlich alles unter enger Begleitung, das ist klar. Weiter gibt es sehr viel Unterstützung auch in der Lehre. Zum Beispiel betreuen die Doktorand_innen in der ersten Lernstufe die „Hausaufgaben“, die die Studierenden während des Semesters anfertigen. Dann  bieten wir Tutorien an, die von Studenten und Studentinnen durchgeführt werden, weil wir einfach festgestellt haben, dass sich Studierende untereinander oft besser verständigen können, als mit “abgeklärten“  Wissenschaftlern. Die entsprechenden Tutor_innen werden dabei von den Doktorand_innen betreut, so dass wir eine qualitätsgesicherte Kette der Wissensvermittlung haben.

ZLL: Mit welchen Mitteln versuchen Sie, den Studierenden besseres Lernen zu ermöglichen?

Prof. Schlüter:  Zum einen gibt es die bereits erwähnten Hausaufgaben, wodurch die Studierenden während des Semesters zusätzliche Punkte für die Klausur sammeln können. Weiterhin gibt es die „Hörsaalübung“, die dazu dient, die Hausaufgaben zu reflektieren, noch einmal nachzurechnen und Fragen dazu zu besprechen. Die Studierenden sollten sich möglichst zu Hause mit dem Stoff beschäftigen und bekommen dann in den Hörsaalübungen die Möglichkeit, diese selbst entwickelten Probleme zu überprüfen und zu hinterfragen. Für ein sehr wesentliches Element im Studium halte ich das Lernen in der Gruppe. Wir versuchen unter anderem durch Clicker-Fragen, die Studierenden ein bisschen aus ihrer „Isolation“ herauszuholen und so möglichst in eine Lerngruppe zu bringen, weil in einer Gruppe die entsprechenden Diskussionen ablaufen, die man natürlich nicht hat, wenn man alleine lernt. Wenn man alleine lernt, hat man beim Durchlesen des Stoffes schnell das Gefühl, man habe alles verstanden, weil man auf die Fragen häufig nicht kommt, die man sich stellen muss, um den Stoff tiefer zu durchdringen. Da hilft die Gruppenarbeit natürlich ungemein.

ZLL: Wie hoch schätzen Sie den zusätzlichen Zeitaufwand für Ihre Maßnahmen – einerseits im Unterricht, andererseits bereits in der Vorbereitung?

Prof. Schlüter:  Mein Anspruch ist, die Zeit, welche ich in die Vorlesungsvorbereitung und gute Lehre investiere, durch das Vermindern von Wiederholungsprüfungen zu kompensieren. Da gebe ich aber auch ganz offen zu, dass es bis jetzt noch nicht so ganz funktioniert [lacht]. Aber das ist natürlich die Hoffnung und der Anspruch. Und es ist wichtig, dass man eine gute Unterstützung hat. Da hilft natürlich das ZLL ganz ungemein. Ich kann ganz klar sagen, dass wir ohne die Unterstützung durch das Zentrum für Lehre und Lernen und die darin geförderten Projekte einige Umstellungen von Lehrveranstaltungen nicht angefasst hätten.  Nur durch die zusätzliche Kapazität, die vom ZLL zur Verfügung gestellt wird, kann man solche Veränderungen angehen. Es ist wirklich extrem schwer, neben dem normalen Tagesgeschäft Vorlesungen so ausführlich umzustellen und dann auch zu begleiten. Das muss man schon sagen – und ich glaube, es kann auch nicht schaden, dass das auch den Studierenden bewusst ist. Die Lehre ist natürlich unser Job, aber trotzdem muss alles auch handhabbar sein. Denn, genauso wie die Lehre unbedingt wichtig für die Forschung ist, gilt das auch umgekehrt: Den Studierenden ist nicht geholfen, wenn wir soviel Zeit in die Lehre investieren, dass wir keine gute Forschung mehr machen können. Das ist natürlich auch ein Aspekt, den man berücksichtigen muss. Das bedingt sich gegenseitig: Nur eine gute Lehre ermöglicht eine gute Forschung und nur eine gute Forschung ermöglicht eine gute Lehre!

FORTSETZUNG FOLGT IN DER KOMMENDEN WOCHE AM MITTWOCH, dem 23. Oktober! 

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