Decoding the Disciplines – Herausfinden, was nicht gesagt wird

Können Sie eine analoge Uhr lesen? Wahrscheinlich schon. Sie brauchen die Zeiger nur den Bruchteil einer Sekunde zu betrachten, um zu wissen, wie spät es ist, oder? Die kognitiven Prozesse, die dabei ablaufen, sind zum Automatismus geworden. Wenn wir uns aber einmal die Mühe machen aufzuschlüsseln, welche mentalen Schritte zum Ablesen der Zeit nötig sind, tritt die Komplexität dieser so trivial erscheinenden Tätigkeit zu Tage. Versuchen Sie es gerne einmal selber, oder schauen Sie sich hier oder hier mögliche Beschreibungen an.

Dieses Beispiel soll illustrieren, dass wir als Experten manchmal vergessen, wie komplex manche Abläufe sind. In der Lehre wird es dann relevant, wenn wichtige mentale Schritte von den Lehrenden unbewusst gar nicht mehr erwähnt werden, weil sie so selbstverständlich geworden sind, und wenn dies in der Folge den Lernfortschritt bei Studierenden hemmt.

Decoding the Disciplines beschreibt eine Methode, mit deren Hilfe Lehrende zunächst systematisch solche Stellen in ihrer eigenen Lehre aufdecken können, um anschließend Maßnahmen zu ergreifen, das Verständnis bei den Studierenden an diesen Stellen zu verbessern. Dazu definieren Lehrende zunächst basierend auf ihren Erfahrungen ein sogenanntes Bottleneck, eine konkrete Tätigkeit an der viele Studierende immer wieder scheitern (Ein Beispiel aus der Statik wäre die Aufgabe ein reales System, z. B. eine Tür, auf ein geeignetes Modell zu reduzieren). Um die für diese Tätigkeit notwendigen mentalen Schritte zu identifizieren, wird häufig eine Interviewtechnik angewandt. Zwei Personen, im Idealfall Laien bezüglich des Faches, befragen den Experten bzw. die Expertin. Die Aufgabe der Interviewenden besteht darin, nach einer immer detaillierteren Aufschlüsselung der Schritte zu verlangen (z. B. „Nach welchen Kriterien wird entschieden?“ oder „Sind Sie jetzt beim Modell oder beim realen System?“ oder „Was tun Sie, um zu entscheiden, ob das Türblatt durch einen starren Körper modelliert werden kann?“).
Diese Aufgabe des Nachfragens könnte man auch den Studierenden zuschreiben. Doch selbst wenn sie sich entsprechender Fragen bewusst sein sollten, wäre es für Studierende ungleich schwieriger diese mit gleicher Beharrlichkeit in der Sprechstunde, geschweige denn im Hörsaal, zu stellen.

Stehen die nötigen mentalen Schritte fest, kann eine Strategie erarbeitet werden, wie diese Erkenntnis in die Lehre einfließen kann. Dazu sollten die Schritte explizit gemacht und den Studierenden Gelegenheit zum Üben sowie Feedback gegeben werden. Die anschließende Untersuchung des Lernerfolgs der Studierenden würde einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess begünstigen, und um die gewonnenen Erkenntnisse nachhaltig nutzen zu können, sollten diese nach Möglichkeit mit Kollegen geteilt werden.

Eine Erläuterung aller Schritte im „Decoding the Disciplines Wheel“ sowie weitere Informationen sind hier zu finden.

 

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