„Das schwarze Loch“

„Das schwarze Loch“ oder: Umgang mit dem schwarzen Bildschirm in Zoom

„Gut! Viel besser als anfangs gedacht! Nur immer dieser schwarze Bildschirm in Zoom.” hört man Lehrende der TUHH häufig berichten, wenn man sie fragt, wie das digitale Sommersemester 2020 lief. Wir haben uns gefragt:

  • Welche Gründe haben Studierende, ihr Video zu starten oder eben nicht?
  • Welche technischen und datenschutzrechtlichen Aspekte sind aus Sicht des Rechenzentrums der TUHH relevant?
  • Wie handhaben Lehrende den Umgang mit dem “Schwarzen Bildschirm” in Zoom?

Ausgewählte O-Töne beleuchten dieses Thema.

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Georg Spieß (1. Vorsitzender im ASTA) und Mareike Wendelmuth (Referentin für Hochschulpolitik im ASTA):

1. Welchen Vorteil hat der ausgeschaltete Bildschirm für die Studierenden?

„Unserer Ansicht nach gibt es drei ausschlaggebende Gründe für ein ausgeschaltetes Video bei Studierenden:

  1. Das Zeigen der privaten Räumlichkeiten und damit der privaten Lebensumstände stellt einen starken Eingriff in die Privatsphäre der einzelnen Studierenden dar. Denn auch sonst entscheiden wir sehr bewusst, wem wir einen Einblick in unseren privaten Lebensraum geben. Im Gegensatz zu den meisten Studierenden haben Lehrende die Möglichkeit ihre Veranstaltungen außerhalb ihrer privaten Räumlichkeiten, bspw. im Büro, aufzunehmen. Ein virtueller Hintergrund lässt sich leider häufig nicht mit den technischen Gegebenheiten von jedem*jeder Student*in umsetzen. Außerdem kann ein Mitschnitt von Übertragungen nicht vollkommen verhindert werden.
  2. Durch ein ausgeschaltetes Video lässt sich die Veranstaltung auch leichter über das Handy, bspw. in der Bahn oder bei fehlender technischer Ausrüstung, mitverfolgen.
  3. Durch die Übertragung des Videos wird eine höhere Datenrate benötigt, welche nur bedingt zur Verfügung steht. Entsprechendes kann dies das flüssige Mitverfolgen der Veranstaltung erschweren.“

2. Welchen Nachteil hat der ausgeschaltete Bildschirm für die Studierenden?

„Fehlende Mimik und Gestik reduzieren die Kommunikation. Dies kann die Zusammenarbeit und das Gemeinschaftsgefühl der Student*innen deutlich beeinträchtigen. Dies kann auch zur Demotivation der Lehrenden führen, weil auch Ihnen die Resonanz fehlt.“ 

3. Sollten Lehrende Studierende dazu auffordern ihr Video anzuschalten?

„Student*innen dürfen unter keinen Umständen gezwungen werden ihre Kamera anzuschalten. Es darf aber gerne dazu angeregt und beispielhaft vorangegangen werden. Sensibler Umgang und Verständnis für die individuellen Lebensumstände ist von jeder*jedem, insbesondere den Lehrenden, zu erwarten.“ 

4. Welche Lösung bezogen auf das An- oder Ausschalten von Videos bevorzugen die Studierenden?

„Unter dem Aspekt der gegenseitigen Rücksichtnahme halten wir es für sinnvoll vor allem in Kleingruppenarbeiten die Kameras zur Verbesserung der gegenseitigen Kommunikation anzuschalten. In der aktuellen Situation fehlt vielen von uns der direkte Kontakt zu anderen Menschen. Die Videokommunikation kann dies zumindest teilweise kompensieren. Trotz diesen Vorteilen sind immer die persönlichen Freiheiten und Bedürfnisse jedes*jeder Einzelnen zu wahren. Bei größeren Veranstaltungen erschließen sich die Vorteile einer gegenseitigen Videoübertragung für uns nur bedingt. Für die Qualität der Lehrveranstaltung ist aus unserer Sicht eine gute und aktive Moderation der verschiedenen (Teilnehmer-)Beiträge wichtiger.“

Dr. A. C. Wawrzyn (Rechenzentrum der TUHH):

1. Kann das Zoom-Netzwerk das Anschalten aller Teilnehmendenvideos in Lehrveranstaltungen aushalten?

„Ein Lasttest an der TUHH mit dem Maximum von 300 Teilnehmern ist mir nicht bekannt, aber Zoom umschifft das Problem zu vieler Videostreams dadurch etwas, dass man nur eine begrenzte Anzahl auf einer Seite sieht. Bei kleineren Auflösungen sind das z. B. 4×6 und bei größeren auch 7×7, die nebeneinander als kleine Kacheln angeordnet werden. Darüber muss man dann zu den anderen Teilnehmern “blättern”, die man gerade nicht sieht. Halbwegs aktuelle Client-Hardware schafft das. Die Zoom-Server sind mit 100+ Teilnehmern ebenfalls klargekommen.“

2. Zu Beginn des Semesters wurden Studierende aufgefordert ihr Video auszuschalten, um Bandbreite zu sparen. Inwiefern hat die TU Hamburg ein erhöhtes Datenaufkommen durch das Anschalten der Videofunktion?

„Der Engpass zum Semesterstart lag weniger in der Bandbreite der Anbindung zum DFN als mehr in der Auslastung der VPN-Server. Letztere wurden durch die hohe Anzahl an Telearbeitern besonders beansprucht. Dabei war es üblich, sich per VPN mit der TUHH zu verbinden, um Ressourcen im Zugriff zu haben und dann wurden Video-Konferenzen gestartet. Als Folge wurden auch diese Videostreams über die TUHH VPN-Server getunnelt und dann erst ins Internet ausgekoppelt. Das RZ hat zu Beginn des Semesters das Problem bei Nutzern des Cisco AnyConnect Clients dadurch reduziert, dass Split-Tunneling Einstellungen vorgenommen wurden, die bekannte IP-Adress-Ranges von Zoom Cloud-Servern noch vor dem VPN-Tunnel ausgekoppelt wurden. Bei anderen VPN-Clients (z.B. nativ unter Mac oder Linux) besteht das Problem weiterhin. Hier hilft es das VPN zu beenden oder den Durchsatz durch das Deaktivieren des Videostreams zu reduzieren. Wie sich die Auslastung der Bandbreite zum DFN im Hybrid-Semester verhalten wird, ist noch offen. Das Vorlesungsaufzeichnungssystem Mediasite soll deutlich mehr ins Internet streamen. Außerdem sind wieder mehr Mitarbeiter und Studierende an der TUHH, so dass eine Steigerung im Vergleich zu einem reinen Präsenz-Semester zu erwarten ist, bei dem sich das meiste im Campusnetzwerk abspielt.“

3. Welche Lösung bezogen auf das An- oder Ausschalten von Videos bevorzugt das Rechenzentrum?

„Datenschutzrechtlich wäre es in jedem Fall gut, wenn der einzelne Teilnehmer ohne eigenes Video startet und sich selbst dafür entscheidet, dieses zu teilen (oder eben auch nicht). Der Rest hängt vom Anwendungsfall ab: In einer kleineren Runde sind Videos für den Gesprächsfluss unheimlich hilfreich, weil man visuell die Hand heben kann, wenn man etwas sagen will oder auch die Reaktion des Gegenüber sehen kann. Da sollte man sie anschalten. Bei großen Runden aber auch insbesondere bei Vorlesungen reicht es eigentlich, wenn man den Redner / Vortragenden sieht. Letztendlich haben Mini-Kacheln kaum Mehrwert und es gibt durchaus Engpässe bei den Providern (das Peering zwischen Telekom und DFN war zum Beginn der Pandemie z. T. schlecht und führte zu Paketverlusten). Hier kann man Ressourcen schonen und das Video abschalten.“

Haibo Ruan (Lehrende, Institut für Mathematik):

„Lehre für mich ist etwas Interaktives und Teilendes. Vielleicht gerade in der Zeit der digitalen Lehre sind solche Qualitäten wie Interaktivitäten und Gemeinschaftsgefühle an den Lehr- und Lernaktivitäten mehr denn je gefragt, da man sonst die Lernenden leicht “verliert”. Ich erkläre meinen Studierenden immer am Anfang meiner Lehrveranstaltung, dass ich so eine interaktive und gemeinsame Lernatmosphäre sehr schätze und möchte mit ihnen zusammen unsere Lehrveranstaltung gestalten, sodass man richtig gut lernen und Spaß daran haben kann. Das gelingt aber nur, wenn alle Teilnehmer (einschl. der Dozenten) das Gefühl haben, auf Augenhöhe miteinander sprechen zu können. Daraufhin bitte ich um Freigabe des Tons und Bildes von allen Teilnehmern. Das hat bisher immer gut geklappt, die meisten machen fröhlich mit.“

Christian Kautz (Leitung der Fachdidaktik der Ingenieurswissenschaften):

„Für mich war es im vergangenen Semester weniger wichtig, die Studierenden auf dem Bildschirm sehen zu können, als ich das ursprünglich erwartet hatte. Es war sicher eine ganz neue Erfahrung, über Wochen mit den gleichen Menschen zu tun zu haben, ohne zu wissen, wie sie aussehen. Gleichzeitig habe ich mit den Namen von manchen der Studierenden aber eine gewisse Stimme verbunden, so dass sie doch eine gewisse Identität oder Realität für mich hatten. In den Breakout Rooms (mit dann jeweils drei bis fünf Personen) habe ich wiederholt Studierende aufgefordert, ihre Kamera einzuschalten. Einige haben dies auch getan, andere nicht. Da wir aber mit konkreten Texten oder Simulationen gearbeitet haben, war das Bildschirmteilen ohnehin wichtiger als die Gesichter zu sehen. So lange eine Art von Interaktion sichtbar wurde, war für mich die Notwendigkeit, ein Bild von der Person zu haben eher zweitrangig.“

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Zusammengefasst ist es in der Lehre mit Zoom wichtig,

  • sich über die verschiedenen Perspektiven des Für und Wider, die Kamera ein- oder auszuschalten, bewusst zu sein und diese zu berücksichtigen,
  • mit den Studierenden am Anfang eines Kurses zu dem Thema explizit in den Dialog zu treten,
  • Zoom-Veranstaltungen mit kleinen Methoden aktivierend zu gestalten, sodass Studierende Fach- und Personalkompetenzen aufbauen können – mit oder ohne Kamerafreigabe. Beispielsweise können Fragen und Feedback von Studierenden im Chat gesammelt werden, Kleingruppenarbeit kann in Breakout-Sessions stattfinden und Zoom-Umfragen können für die Methode der Peer Instruction genutzt werden.

So kann Lehre in Zoom kein „Worte hinausrufen & aufsaugen im Schwarzen Loch“ sein, sondern ein positiv gestalteter, virtueller Lehr-/Lernprozess.

Weitere hilfreiche Hinweise für mehr soziale Präsenz in Online-Meetings gibt die Betreiberin des E-Bildungslabors, Nele Hirsch, in ihrem Blog.

Wir danken allen Beitragenden für Ihre O-Töne und Joseph Rüffert für die Unterstützung bei diesem Blogbeitrag.

Recherchiert: Joseph Rüffert, zusammengefasst: Ulrike Bulmann

2 Gedanken zu „„Das schwarze Loch“

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