„Bei mir gibt es ein Vorrechenverbot!“

Anlässlich der Verleihung des Hamburger Lehrpreises führte das ZLL das folgende Interview mit Prof. Dr.-Ing. Robert Seifried

ZLL: Herr Prof. Seifried, Sie haben für Ihr Engagement in der Mechanik, insbesondere für die Einführung des Mechanik Repetitoriums, den Hamburger Lehrpreis erhalten. Herzlichen Glückwunsch dazu. Warum bedarf der Studieneinstieg in den Maschinenbau einer besonderen Unterstützung?

Seifried: Mein Anliegen ist es, dass Studierende möglichst innerhalb des ersten Jahres wissen, ob sie das richtige Studium gewählt haben oder nicht. Es gibt viele Leute die ein Maschinenbaustudium beginnen, weil sie gern an ihren Autos basteln. Das hat aber mit dem realen Studium und dessen Anforderungen nichts zu tun. Heute sind Studierende, durch Verkürzung der Schulzeit und Wegfall der Wehrpflicht bzw. des Zivildienstes, zu Beginn des Studiums zwei Jahre jünger als zu meiner Zeit. Dadurch fehlt einfach Lebenserfahrung, die für die eigene berufliche Orientierung wichtig ist. Man sollte die Studieneingangsphase zunächst auch als Orientierungsphase verstehen. Das erste Jahr ist ernst zu nehmen, aber nach einem Jahr sollte man nochmal in sich gehen und eine Entscheidung darüber treffen, ob dies der persönlich richtige Weg ist.

Wenn man früh merkt, dass das gewählte Studium nicht das richtige ist, dann ist das auch kein Scheitern. Es ist eine Entwicklung im Lebenslauf. Durch nicht bestanden Klausuren ist nicht der ganze Lebensweg verbaut, aber dann lohnt es sich darüber nachzudenken einen anderen Weg einzuschlagen. Es gibt großen Bedarf auch im Bereich nicht-akademischer Berufe.

ZLL: Wie bildet man erfolgreich angehende Ingenieure aus?

Seifried: Mir geht es vor allem um die Vermittlung von Denkweisen. Um die Ingenieursdenkweise zu verinnerlichen, muss man sich sehr lange mit einem Thema auseinandersetzen. Ein Buch nur durchzulesen reicht da nicht, Studierende müssen mitarbeiten.

ZLL: Mit der Mechanik als Grundlagenfach, 1.200 Prüflingen und 75 Übungsgruppen im Wintersemester haben sie viele logistische Herausforderungen zu bewältigen. Macht das Lehren da noch Freude?

Seifried: Als Lehrender bekommt man für seine Mühen unheimlich viel zurück. Ich freue mich sehr, wenn ich auf dem Campus gegrüßt werde oder sich bei McDonalds jemand bei mir bedankt, dass er seine Prüfung endlich geschafft hat. Dann empfindet man auch als Lehrender der Mechanik die Lehre nicht als Last, sondern macht es gern.

Natürlich schimpfen auch viele Studierende, meist  vor und nach den Prüfungen und es gibt auch Vieles was mich aufregt – wenn ich Studierende im ersten Semester mit Namen kenne, ist das meistens auch kein positives Zeichen (lacht).

ZLL: Welche Bedeutung hat die Mechanik, z. B. im Maschinenbau?

Seifried: Die Mechanik kommt manchmal etwas angestaubt daher, ohne sie geht es aber nicht. Die Erkenntnisse von Euler und Newton sind rund 300 Jahre alt. Sie sind aber die Grundlagen heutiger Computerprogramme und damit hochaktuell. Z. B. sind die Rotationen, die wir in der Mechanik III berechnen in der Computergrafik wiederzufinden. Die Grundlagen für Simulationen und virtuelle Prototypen werden bei uns in den ersten vier Semestern gelegt.

Diese Brücke zu schlagen wird in Zukunft auch verstärkt unsere Aufgabe sein. Wir diskutieren im Dekanat aktuell darüber, wie der Maschinenbau der Zukunft aussieht: Welche Inhalte brauchen wir und in welcher Tiefe und was kommt neu dazu? Neben Erfahrungen in der Digitalisierung und in Simulationstechniken muss ein Maschinenbauer auch ein Grundwissen über Mechatronik haben. Sechs Semester sind eine begrenzte Zeit, da muss man eben auch nach Themen suchen, die sich überholt haben und die man herausnehmen kann.

ZLL: Welches Verhältnis haben bei Ihnen Forschung und Lehre in Bezug auf die knappen Ressource Zeit?

Seifried: Forschung und Lehre sollten eigentlich nebeneinander laufen. Wir sind auf die Forschung angewiesen, auch um zusätzliche Mittel zu akquirieren, um die Lehre am Laufen zu halten. Bei unseren drei großen Grundlagenveranstaltungen läuft die Forschung eher neben der Lehre her als umgekehrt. Für mich ist auch nicht die Lehre belastend, sondern der Verwaltungsaufwand an den Hochschulen. Die Zeit, die es kostet sich um Stellenbesetzungen und andere Formalitäten zu kümmern nehmen wirklich Ressourcen weg, die wir lieber anderweitig nutzen würden.

ZLL: Inwiefern halten Sie Ihre eigene Lehre für innovativ?

Seifried: Der Maschinenbau verändert sich, da ist es wichtig die Vorlesung immer anzupassen und die Aktualität der Themen zu verdeutlichen. Ich muss immer etwas aufpassen um mit meinen vielen Ideen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zu überfordern. Aktuell probieren wir in der Mechanik IV kleine Matlab-Projekte einzubauen. Das ist aber mit der aktuellen Ausstattung schwierig umzusetzen. Mit zusätzlichen Mitteln könnte man mehr machen und auch die Forschung etwas freier gestalten.

Wie effektiv innovative Maßnahmen -wie z. B. unsere Mid-Terms- sind, müssen wir in ein paar Jahren neu bewerten. Vielleicht probieren wir auch einmal aus, ob drei kleine Hausaufgaben mehr helfen würden, es gibt da viele Möglichkeiten.

Ich bin seit drei Jahren hier an der TUHH und habe mich zunächst auf die Großveranstaltungen konzentriert. Mein Team und ich haben die Veranstaltungen modernisiert und an meinen Stil angepasst. Jeder macht seine Vorlesung anders. Ich habe vor diese Vorlesungen lange Jahre zu halten, da muss mir auch gefallen was ich mache.

ZLL: Die Digitalisierung macht auch vor der Lehre nicht halt. Ist die Präsenzlehre an den Hochschulen bald Geschichte?

Seifried: Die Präsenzlehre wird sich nicht überholen, sie wird sich verändern. Ich möchte auch gern mehr Onlineformate zur Unterstützung der Lernenden nutzen.

Bücher werden zunehmend durch Videosequenzen im Internet ersetzt. Aber alle diejenigen, die keine Autodidakten sind, werden nach wie vor an die TU kommen, zu den Vorlesungen, aber noch viel wichtiger in die Übungen. Denn das A und O auf dem Weg zum Verstehen, ist das Selbermachen. Die Studierenden zum selber Arbeiten zu bewegen ist eine der größten Herausforderungen, die ich als Lehrender habe.

Wenn ich durch den Audimax laufe, den ich übrigens wunderschön finde, bemerke ich immer wieder eine große Scheu der Studierenden einfach auf ein Schmierblatt etwas aufzuschreiben vor lauter Angst etwas falsch zu machen. Deswegen weiche ich auch nicht davon ab die Studierenden auch Dinge abschreiben zu lassen, denn auch das ist schon ein Teil des Lernprozesses.

Es gibt eine ausgeprägte Konsumentenhaltung, aber wahrscheinlich war das zu meiner Zeit auch schon genauso. Über Testate könnte man Studierende zwar dazu zwingen semesterbegleitend mehr zu machen, aber zum einen können wir das organisatorisch nicht leisten und zum anderen ist man dafür eben auch nicht mehr an der Schule, sondern an der Universität.

ZLL: Wie wichtig sind studentische Tutorinnen und Tutoren für Ihre Lehre?

Seifried: Ohne unsere Tutoren könnten wir die große Zahl an Übungen gar nicht anbieten. Wir haben hohe Ansprüche an unsere Tutoren: sie müssen sehr zuverlässig sein, ihre Aufgabe ernst nehmen und vorbereiten und die Themen fachlich beherrschen. Gute Tutorinnen und Tutoren müssen auch gepflegt werden, damit sie wiederkommen.

ZLL: Wie sieht eine gute „Tutorenpflege“ aus?

Seifried: Unsere Tutorinnen und Tutoren nehmen an den ZLL-Tutorenschulungen teil, damit werden sie gut für ihre Aufgabe vorbereitet. Bei uns heißt das auch: unsere Tutoren rechnen nicht vor. Dagegen haben sich sowohl die Tutoren als auch die Studierenden in den ersten anderthalb Jahren ziemlich gesträubt. Aber bei uns gibt es jetzt ein Vorrechenverbot! In Zweiergruppen wird selbst gerechnet. Ziel ist es nicht, dass die Tutoren eine eigene Vorlesung abhalten, sondern, dass sie die Studierenden dazu bekommen selbst zu rechnen. Zum Semesterabschluss gibt es auch einen Austausch beim Grillen als kleines Dankeschön. Das sind gute Leute, die auch Interesse haben und viel leisten. Wir haben im Wintersemester 40 Tutorinnen und Tutoren, jeder macht zwei Gruppenübungen pro Woche, einmal wöchentlich gibt es ein Treffen mit einem Mitarbeiter zur Besprechung der Aufgaben. Auch die Tutoren müssen hier dann nochmal alles zunächst selbst rechnen. Wir hatten selbst auch einen Lernprozess bei der Betreuung der Tutoren, aber jetzt läuft es gut.

ZLL: Sie haben in Ihrer Tätigkeit an der TUHH bereits mehrere Verbundprojekte mit Kollegen durchgeführt. Welche Anregungen gibt es für eine fächerübergreifende Gestaltung guter Lehre an der TUHH?

Seifried: Anlass für einen Austausch mit Kollegen anderer Fächer kann z. B. ein ZLL-Projekt sein. Wenn man an der eigenen Lehre etwas verbessern möchte, bekommt man beim ZLL Mittel dafür. Es könnte natürlich auch gern mehr sein als eine Unterstützung für drei Monate, aber es bringt auf jeden Fall etwas. Auch die Änderung der Studienpläne war ein Anlass sich darüber auszutauschen, wann was im Studium an der TUHH drankommt. Wenn z. B. die Konstrukteure anfangen Wellen zu berechnen, muss geklärt sein, dass in der Mechanik überhaupt schon Spannungen behandelt wurden. Wann können technische Zeichnungen überhaupt gelesen werden? Solche Fragen kommen manchmal beiläufig auf und dann merkt man, wie gut man verzahnt ist, oder eben auch nicht. Über die Repetitorien haben wir direkten Austausch mit der Konstruktionslehre und der Mathe. Auch beim Professorentreffen kommen gute Ideen. Da ich mit der Mechanik ein Grundlagenfach anbiete, klingelt mein Telefon sowieso immer, wenn jemand irgendwas mit Mechanik besprechen möchte.

ZLL: Gibt es etwas, dass Sie Ihren Studierenden wünschen?

Seifried: Ich wünsche ihnen, dass Sie im Studium viel Spaß haben und sich später gern zurück erinnern; an die Studienzeit, aber auch an die Mechanik.

ZLL: Herr Prof. Seifried, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Im Sommer 2017 erhielten Prof. Dr.-Ing. Robert Seifried und Prof. Dr.-Ing. habil Bodo Fiedler den Hamburger Lehrpreis. Ein Interview mit Herrn Prof. Fiedler finden Sie ebenfalls hier im ZLL-Blog. Prof. Dr.-Ing. Robert Seifried ist seit 2014 an der TUHH Professor für Strukturmechanik und Leiter des Instituts für Mechanik und Meerestechnik.

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