Selbstfahrender Bus rollt an

Autonomes Fahrzeug schlängelt sich seit Montag durch Lauenburgs enge Gassen

Lünepost: 24.07.2019

Lauenburg. Dienstagvormittag am Lauenburger ZOB: Ein kleiner blauer Bus parkt am Bordstein ein. Doch der Anfahrtwinkel ist zu steil. Beim zweiten Versuch klappt‘s besser – aber der Abstand zum Bordstein ist ganz schön groß. Der Fahrer übt wohl
noch? Tatsächlich „übt“ der kleine Bus fast von selber. Francois Pollet, ein Ingenieur der französischen Herstellerfirma Navya, der als einziger im rundlich-niedlichen Shuttle
sitzt, steuert das Gefährt nicht. Er sucht die optimale Streckenführung – auf den Zentimeter genau. Das mit vielen Sensoren ausgestattete Fahrzeug „lernt“ so die Strecke und die Umgebung. Das ist zeitaufwendig. Bestimmt eine Stunde fährt der Mini-Bus hin und her, jedes Mal kommt es etwas näher an den Bordstein heran.
„Wir messen das Fahrzeug gerade auf die erste Strecke ein“, erklärt Tyll Diebold. Er begleitet das Projekt von der Technischen Universität Hamburg aus. Die erste Runde, die der E-Bus ohne Eingreifen des Fahrers erlernen soll, führt vom ZOB zum Amtsplatz
und zurück. „In den nächsten Tagen werden wir auch noch die zweite, längere Runde vom ZOB zum Fürstengarten und zurück einmessen“, erzählt der wissenschaftliche Mitarbeiter. Zuvor wurden die zukünftigen Strecken kartiert. „Dabei wurden,
meist in der Nacht, mit einem Fremdfahrzeug von den Linienstrecken
3D-Aufnahmen gemacht“, erzählt Diebold und lacht: „Das sah fast so
aus, als ob ein Fahrzeug von Google herumfährt.“ Der kleine Bus erregt Aufmerksamkeit. Immer wieder sprechen Passanten die Mitarbeiter an. „Was
soll denn später der Vorteil für uns als Fahrgäste sein, wenn kein Busfahrer
mehr da ist?“, fragt einer. Hier ist Diebold in seinem Metier, denn er erforscht nicht etwa die Technik des Busses – darum kümmert sich Hersteller Navya – , sondern u. a. die Akzeptanz selbstfahrender Fahrzeuge in der Bevölkerung. „Das könnte zum
Beispiel eine Möglichkeit sein, um den öffentlichen Nahverkehr auch in ländlichen Gebieten aufrecht zu erhalten“, erklärt er dem Passanten. Die Lauenburger zeigen sich gut informiert über das Projekt. Kein Wunder, in jedem Briefkasten landeten Flyer und eine Postkarte, auf der die Bürger ihre Hoffnungen und Bedenken formulieren konnten. Der Rücklauf sei gut gewesen. Die Antworten wertet Diebold noch aus. Einige Passanten können sich nicht vorstellen, in einen Bus ohne Fahrer zu steigen. Obwohl an mehreren Stellen im Shuttle große Not-Aus-Knöpfe angebracht sind, die es sofort zum
Stehen bringen. Der Fahrer eines Linienbusses, der sich dazugesellt hat, ist überzeugt: „Auf uns wird man auch in Zukunft nicht verzichten können.“ Genau um das herauszufinden, läuft das Projekt in Lauenburg. Der eingesetzte Bus ist übrigens eines
von nur zwei autonomen Allradfahrzeugen weltweit. Allrad, weil es in der Stadt Steigungen bis zu 15 Prozent überwältigen muss. In den nächsten zwei Wochen werden mehrere Busfahrer geschult, die die Fahrten in Zukunft begleiten. Ab Herbst können Passagiere zusteigen. „Auch in der letzten Phase werden wir nicht ganz ohne Begleiter fahren können, das ist rechtlich noch nicht erlaubt“, bedauert Diebold. Jetzt macht sich der Bus erstmals ohne Steuerung auf den Weg zur Haltestelle am Amtsplatz. Als ihm ein Auto seitlich zu nahe kommt, hält er schlagartig an. Darauf werden sich die Verkehrsteilnehmer in der Elbestadt einrichten müssen: Die Reaktionszeit des Busses ist erheblich schneller als die eines Autofahrers. Auch wenn er nicht mehr als 18 km/h fährt – dicht auffahren ist nicht ratsam. Zumal er auch schon mal wegen eines herunterhängenden Zweiges anhält …